Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach

 

Baumgarten

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Wie war es früher?

Der Heimatverein unterhält sich mit älteren Grünaern:

Im Gespräch mit Werner Gerlach
Im Gespräch mit Karla Krahmer
Im Gespräch mit Gunther und Bernhard Köhler
Im Gespräch mit Lotte Schroth
Im Gespräch mit Heinz Ullrich
Im Gespräch mit Hans May und Brunhilde Richtsteiger
Im Gespräch mit Herta Krumbiegel
Im Gespräch mit Herbert Bauer
Im Gespräch mit Mario und Herbert Lorenz
Im Gespräch mit Roland Nestler
Im Gespräch mit Jochen Dickert
Im Gespräch mit Marianne Dell‘Agnese
Im Gespräch mit Walter Semmler
Im Gespräch mit Rolf Frenzel

Veranstaltungen

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Georg Baumgarten,
der Fliegende Oberförster aus Grüna

 

Berühmteste historische Person von Grüna/Sa. (heute zu Chemnitz) ist Ernst Georg August Baumgarten, auch bekannt als „der Fliegende Oberför­ster“, denn er erfand – lange vor Graf Zeppelin – das erste lenkbare Luft­schiff, und zwar mit sehr bescheidenen finanziellen und technischen Mög­lichkeiten. Leider ist dies in der Öffentlichkeit recht unbekannt. Deshalb hier die wichtigsten Daten und Fakten aus seinem Leben und Wirken:

  • 1837: am 21.1. in Johanngeorgenstadt geboren
  • 1857-59: Studium an der Forstakademie Tharandt, danach Förster im Erzgebirge und ab 1869 Oberförster in Pleißa (heute zu Limbach-Oberfr.)
  • 1871: Verlegung der Oberförsterei und Übersiedlung nach Grüna
  • 1871: Bau der ersten Luftschiff-Modelle: 1 Meter langes Holzgerüst, leinwandbespannt, darin gasgefüllte Kinderballons, und eine Spielzeug­dampfmaschine als Antrieb. Diese Modelle sind zu schwer, weil zu klein.
  • 1873-75: Bau des 3. Modells, 10,5 m lang, 15 cbm, zwei „Federkraft­motoren“ mit je 0,5 PS. Das schwebt, an einem Seil geführt, in 2 Metern Höhe.
  • 1876: Bau einer Montagehalle in Rabenstein (heute Stadtteil von Chemnitz); eigene Erzeugung von Wasserstoffgas; Bau des 4. Ballons, der leider nicht aufsteigt, weil nicht gasdicht.
  • 1877: In Wien erscheint Baumgartens Büchlein "Das lenkbare Flügel-Luftschiff, der Flug-Apparat, die Vertikal-Erhebungsmaschine ...". Bis 1882 folgen insgesamt 12 Patentanmeldungen in Deutschland, Belgien, Frankreich und England. Dabei hat Baumgarten keine technische Ausbildung, ist Autodidakt und Empiriker. Seine eigenen Patent-Ideen kann er nur teilweise umsetzen.
  • 1879: Mit Hilfe des Grünaer Gastwirts Franz Keil, der selbst sein ganzes Vermögen für Baumgartens Arbeiten opfert, entsteht ein 20 m langes Luftschiff, mit dem Baumgarten am 31.7. in Grüna der erste bemannte Aufstieg gelingt, mit Beweis des Antriebs und der Lenkbarkeit.
  • 1879: Über das Hobby „Stenografie“ (oder „Tachygrafie“) lernt Baumgarten den vermögenden Leipziger Buchhändler Dr. Friedrich Hermann Wölfert (geb. 17.11.1850) kennen und begeistert ihn für seine Experimente. Gemeinsam wird das sechste Luftschiff am "Weißen Adler" in Dresden gebaut: eine „Zigarre“, 26 Meter lang, 3 Gondeln, und Flügelschrauben per Handkurbel angetrieben.
  • 1880: Ab Januar erfolgreiche Auffahrten mit dem neuen Luftschiff in Plagwitz bei Leipzig, davon eine unfreiwillig: Am 28.3. lassen die Haltemannschaften aus Versehen los, und Baumgarten steigt allein bis in 1500 oder gar 3000 m Höhe. Die platzende Hülle und das Restgas bremsen den Fall, und der Pilot bleibt wie durch ein Wunder unverletzt.
  • 1881: Nach einem weiteren mißglückten Versuch untersagt die vorgesetzte Behörde dem Oberför­ster seine Luftschiffexperimente, weil sie befürchtet, er würde seine Dienstpflichten vernachlässi­gen und außerdem sich und damit die Behörde lächerlich machen. Baumgarten arbeitet heimlich weiter: in Altendorf (heute Chemnitz) unternimmt er mit einem Luftschiff von 17,5 Metern Länge zahlreiche Aufstiege mit erfolgreicher Funktion von Antrieb und Lenkung.
  • In der vier Jahre währenden Zusammenarbeit ist Baumgarten der Erfinder und Patentinhaber, aber wenig kontaktfreudig und geschäftstüchtig. Wölfert, der ebenfalls sein ganzes Vermögen der Luftschiff-Idee opfert und sogar seine Familie im Streit verläßt, ist 1881 Gründungsmitglied des „Deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiffahrt“ zu Berlin und sucht potentielle Geldgeber beim Militär. Weitere Versuche laufen zunehmend unter Wölferts Namen.
  • 1882: Am 10.2. gelingt ein Aufstieg in Berlin-Charlottenburg vor Mitgliedern des Vereins sowie Vertretern des Kriegsministeriums und Generalstabs. Als Vertreter des Militärs soll auch
    Graf Ferdinand von Zeppelin unter den Zuschauern gewesen sein.
  • 1882: Die Behörde macht Ernst mit Ernst Georg: Baumgarten wird durch den sächsischen Minister von Könneritz seines Amtes enthoben und muß seine Dienstwohnung räumen.
    Er zieht um nach Siegmar (heute Stadtteil von Chemnitz).
  • Wölfert handelt mehr und mehr auf eigene Faust, Baumgarten fühlt sich hintergangen. Es entsteht Streit, der wohl alle Gebiete wie Geldquellen, technische Entwicklungen und Patente betrifft. Baum­garten ist gereizt und aufbrausend: Kein Geld, kein Job, keine Anerkennung seiner Arbeit. In einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Fabrikanten, der Baumgarten wegen seiner Luftschiff-Ideen beleidigt, greift er zum Gewehr. Ohne daß jemand verletzt wird, hat dies schicksalhafte Folgen.
  • 1883: Nach Krankenhausaufenthalten in Zwickau und Chemnitz wird Baumgarten am 13.1. in die Landes-Irrenanstalt Colditz eingewiesen, weil er beherrscht sei vom „Wahn, ein großer Erfinder zu sein, das Problem der Luftfahrt gelöst ... zu haben“.
  • 1884: Am 23.6. stirbt Ernst Georg Baumgarten im Alter von nur 47 Jahren an Tuberkulose.
    Nicht zuletzt seine „Briefe aus der Anstalt“ an seine Frau und acht Kinder bezeugen, daß er
    weder irre noch verrückt war, sondern von einer Idee besessen – und vom Schicksal gebrochen.

Wichtigste Erfindungen und Erkenntnisse Baumgartens

  • Die Gondel hängt unmittelbar unter dem Ballon und ist mit diesem starr verbunden
    mittels einer Innen-Aufhängung, wobei die Tragseile die Ballonhülle durchdringen.
  • Gasfüllung des Ballons in einzelnen Zellen („Ballonetts“)
  • Steuerung generell durch Luftschrauben und sog. Wendeflügel
  • Vertikalbewegung ebenfalls durch Luftschrauben statt Ballast- oder Gasabgabe
  • Erfindung der gewundenen Luftschraube anstelle der geradflächigen
  • Im September 1880 soll er bereits an einem „neuen Projekt“ gearbeitet haben,
    einem Starrballon mit innerem Skelett – dem späteren Zeppelin-Prinzip.
  • Der Muskelkraft-Antrieb ist unzureichend – einen geeigneten Motor gibt es noch nicht.  --->weiter