Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach

 

Baumgarten

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Wie war es früher?

Der Heimatverein unterhält sich mit älteren Grünaern:

Im Gespräch mit Werner Gerlach
Im Gespräch mit Karla Krahmer
Im Gespräch mit Gunther und Bernhard Köhler
Im Gespräch mit Lotte Schroth
Im Gespräch mit Heinz Ullrich
Im Gespräch mit Hans May und Brunhilde Richtsteiger
Im Gespräch mit Herta Krumbiegel
Im Gespräch mit Herbert Bauer
Im Gespräch mit Mario und Herbert Lorenz
Im Gespräch mit Roland Nestler
Im Gespräch mit Jochen Dickert
Im Gespräch mit Marianne Dell‘Agnese
Im Gespräch mit Walter Semmler
Im Gespräch mit Rolf Frenzel

Veranstaltungen

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„Ja, der Skisport gehört seit 1925 zur Geschichte von Grüna. Damals wurde die erste Sprungschanze im Gussgrund geweiht. Mit einem von Paul Hergert 1930 errichteten hölzernen Anlaufturm konnte die Anlaufgeschwindigkeit verbessert und Weiten bis 20 Meter erreicht werden.“ Mit diesen Sätzen macht unser Gesprächspartner schon bei der ersten Anfrage deutlich, dass es ihm um die ehemalige Sektion Ski der BSG Motor Grüna und (seit 31.7.1990) um den Wintersportverein Grüna e.V. geht und nicht um seine Person. Dabei ist er nicht nur den Grünaern, sondern vielen im Umland, ja auch in Sachsen, bekannt, denn wir sind im

Gespräch mit Jochen Dickert

Der einstige aktiver Skispringer, seit 1962 Vorsitzender des Sektion Ski der BSG Motor Grüna und seit 1990 Vorsitzender des WSV Grüna ist noch jede Woche an den Schanzen im Gussgrund zu finden. Seine Erinnerungen mit vielen Namen und Fakten hat er aufgeschrieben und übergibt uns mehrere A4-Seiten.

Was er von seiner Person preisgeben will, hat er auch mit zu Papier gebracht:

„Was wäre gewesen, wenn

  • ich nicht mit meinen Eltern 1930 nach Grüna gezogen und ein echter Grünaer geworden wäre?
  • ich 1944 mit 16 Jahren noch in den Krieg gemusst hätte?
  • ich nicht über 50 Jahre eine so verständnisvolle Ehefrau an meiner Seite gehabt hätte?
  • ich meinen Beruf als Bauingenieur im VEB Fettchemie 1978 nicht aufgegeben und mich als Schanzenwart bei der Gemeindeverwaltung in Grüna hätte anstellen lassen?
  • ich nicht so viele treue und aufopferungsvolle Mitstreiter in Sachen Skisport in Grüna gefunden hätte?“

Und er gibt selbst die Antwort: „Es sollte eben so sein!“

 

Jochen Dickert erinnert sich noch, wie er von der Skisport-Begeisterung eines Kurt Fankhänel, Paul Hergert, Herbert Uhle, Roland Weißpflog (sen.), Karl Leuchner angesteckt wurde. Er war als 18jähriger dabei, als 1946 mit dem Bau einer neuen Schanze begonnen wurde. Dass dieses „wilde Bauwerk“ (ohne Genehmigungen, ohne ausreichendes Baumaterial, die Förster haben alle Augen zugedrückt) keine lange Lebensdauer haben konnte, war klar. Aber viele Jungs fanden nach der faschistischen Zeit einen Halt, ein Ziel. Am 29. Januar 1948 wurde die Sparte Ski innerhalb der Sportgemeinschaft Grüna gegründet. Gründungsmitglied Jochen Dickert, knapp 20 Jahre alt, wurde zum Sportwart gewählt, Vorsitzender war Kurt Fankhänel.

„1950 kam das Aus für die Schanze. Wir standen wieder vor einem Neuanfang. Alle Gedanken drehten sich darum, wie wir die vielen jungen Leute dem Wintersport erhalten konnten. Eine Schanze musste her. Wir einigten uns auf einen neuen Standort und größere Weiten. Ich höre Kurt Fankhänel noch heute zu mir sagen: Nun mach mal los, du bist doch Bauingenieur, da muss man doch so was zustande bringen! Worte, die mich mein Leben lang begleitet haben – ob als Sportwart und Vorstandsmitglied und seit 1962 als Vorsitzender. Bei jeder Baumaßnahme aber auch bei anderen Aufgaben wie der Gründung des Wintersportvereins e.V. 1990 sagte ich mir: Nun mach mal los, das muss man doch zustande bringen.“

Als im April 1953 mit dem ersten Spatenstich der Bau einer neuen Sprungschanze begann, war sich wohl keiner des Umfangs der Arbeiten bewusst. Ohne Stromanschluss, ohne Förderbänder, Bagger oder Raupe – nur mit Hacke, Spaten, Schaufel und Schubkarre wurde drei lange Jahr in hunderten von freiwilligen  Aufbaustunden geschuftet, um den Aufsprunghang profilgerecht anzulegen und die Fundamente für das Anlaufgerüst auszuschachten. Fast wäre das Vorhaben an 30 m³ Holz für den Anlaufturm gescheitert.

„Ich habe das Bittschreiben noch, das ich damals an den 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates und 1. Sekretär des ZK der SED Walter Ulbricht geschrieben habe – wir erhielten Antwort und die Freigabe durch den Rat des Bezirkes. Die Grünaer Baufirma Ewald Schreiter konnte im Sommer 1955 die 18 m hohe Holzkonstruktion anfertigen und aufstellen. Am 5. Februar 1956 war es dann soweit, dass bei bestem Winterwetter unter den Augen von bestimmt 3000 Zuschauern mit einem Sprunglauf die Schanze ihrer Bestimmung übergeben werden konnte. Damit war der Grundstein für eine kontinuierliche Entwicklung des Grünaer Wintersports gelegt.“

Roland Weißpflog (jun.), Manfred Lesch, Christian Dost, Peter Müller, Bernd Franke, Theo Schubert und Udo Ehrhardt waren die ersten Skisportler, die von Grüna aus zum SC Traktor Oberwiesenthal delegiert wurden. Durch deren sportliche Erfolge aufmerksam geworden, wurde die Grünaer Ski-Sektion 1962 mit dem Aufbau eines Trainingszentrums in den Disziplinen Spezialsprunglauf (Übungsleiter Jochen Dickert), Nordische Kombination (Wolfgang Herold) und Langlauf weiblich (Gerhart Kaiser) beauftragt. So erfolgte eine jahrzehntelange Heranbildung von jungen Sportlern im Alter zwischen 9 und 13 Jahren, über 40 führten ihr Training an den Kinder- und Jugendsportschulen Oberwiesenthal und Klingenthal weiter.

„Unsere ausgezeichnete Arbeit im Trainingszentrum brachte uns schon zur damaligen Zeit Lob und Anerkennung von höchsten sportlichen Stellen – eine Voraussetzung für den Ausbau der Sportanlagen im Grünaer Gussgrund.“ Bereits 1966 konnte die große Schanze mit Kunststoffmatten ausgelegt werden, was ganzjähriges Skispringen möglich machte. In den 70er Jahren entstanden die 20-Meter-Schanze, eine Skihütte und die 12-Meter Schanze. Ganz wichtig war die Verlegung eines 1 km langen Erdkabels mit tatkräftiger Unterstützung der Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Grüna.

„Ab 1985 zeigten sich erhebliche Schäden an der Holzkonstruktion der großen Schanze. Sie sollte durch eine Stahlkonstruktion ersetzt werden. Schlossermeister Uwe Schmidt aus Grüna und seinen Mannen gelang es, nach meinen zeichnerischen Unterlagen in fachmännischer und präziser Ausführung die Konstruktion anzufertigen und zu transportfähigen Teilen vorzumontieren  Am 28. Juni 1989 erfolgte dann der Hubschraubereinsatz zur Montage der Teile – das hatte kaum einer für möglich gehalten. In wenigen Stunden war die Arbeit erledigt und bis Winterbeginn die Schanze in einen sprungfähigen Zustand versetzt. Ich bin überzeugt, wenn uns kurz vor dem Ende der DDR diese Rekonstruktion nicht gelungen wäre, hätte es keine so erfolgreiche Entwicklung des Skisports in Grüna weiterhin gegeben.“

Jochen Dickert hat sich in all den Jahren auch von Enttäuschungen nicht aus der Bahn werfen lassen. So z.B. im Jahr 1976, das eigentlich zu einem besonderen Höhepunkt in seinem Sportlerleben werden sollte. Er war für eine Reise zu den Olympischen Winterspielen nach Innsbruck vorgeschlagen – dann die Ablehnung wegen Westverwandtschaft. „Deshalb aufgeben? Für mich kam das nicht infrage, meine Jungs, meine Sportkameraden konnten doch nichts dafür!“

 

Neue Anforderungen kamen seit 1990 auf den Wintersportverein Grüna e.V. zu. Jochen Dickert, der Vorstand, die acht lizenzierten Übungsleiter unter Leitung von Werner Hösel, drei Sprungrichter für nationale und internationale Einsätze und 25 Kampfrichter, vom FIS-Kampfrichter Günter Riedel geführt, stellten sich den Aufgaben und sind der Garant für die Durchführung von Wettkämpfen. Innerhalb des Skiverbandes Sachsen ist der WSV Grüna über Jahre in der Disziplin Spezialsprunglauf führend in der Wertung der Talentestützpunkte. Zurzeit sind Franz Röder (AK17), Erik Frischmann, Richard Schultheiß (beide AK15) im Springen und Maximilian Pfordte (AK15) in der Nordischen Kombination am Sportgymnasium Oberwiesenthal sowie Julian Hahn (AK16) im Springen in  Oberhof als aussichtsreiche Sportler im Rennen. Warum sollte nicht einem von  ihnen ein ganz großer Sprung gelingen?

Lassen wir Jochen Dickert noch einmal zu Wort kommen:

„Allen über die Jahrzehnte ehrenamtlich tätigen Mitstreitern in Sachen Skisport in Grüna möchte ich meinen Dank aussprechen. Jochen Hähnel sei stellvertretend für alle genannt. So lange es die Gesundheit erlaubt, werde ich weiterhin beratend zur Seite stehen. Ich hoffe, dass die großzügigen Sponsoren den Verein auch künftig unterstützen. Und dass immer wieder Kinder Gefallen am Wintersport und den Weg zu uns finden. Im Verein sollten die aufrichtige und vertrauensvolle Zusammenarbeit und das Gesellige weiterhin vorrangig aufrecht erhalten bleiben.“

Bernd Hübler und Gerda Schaale wünschen ihrem Gesprächspartner Jochen Dickert, dass er noch viele Jahre seine Erfahrungen in die Arbeit des WSV einbringen kann.

Ein Mensch mit Visionen

Jochen Dickert war selbst ein aktiver und erfolgreicher Wintersportler. Als Übungsleiter und Trainer führte er viele Kinder und Jugendliche zum Skisport. Die Besten wurden an die Sportschulen in Oberwiesenthal und Klingenthal delegiert, einige von ihnen waren Teilnehmer an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Er wurde 1962 Vorsitzender der Sektion Ski der BSG Motor Grüna und des Trainingszentrums. Jochen ist ein Mann, der über 60 Jahre den Wintersport in Grüna durch sein Tun und Handeln maßgebend geprägt hat. Bei seinen Vorhaben wird er von vielen Mitstreitern und hilfsbereiten Ämtern unterstützt – man kennt ihn. Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt er vom Skiverband Sachsen und vom Kultusministerium hohe Auszeichnungen.

Jochen Dickert ist ein guter Freund, ein Organisator, ein Mensch mit Visionen und dem Blick nach vorn.

Frank Albrecht

(2. Vorsitzender)

 

Er hält alle Fäden zusammen

Die Sektion / der Verein ohne das jahrzehntelange Wirken von Jochen Dickert? Für mich unvorstellbar! Mit seiner Hartnäckigkeit, seinem Fachwissen und seinem Organisationstalent hat er manches erreicht, wo andere an Vorbehalten und Ämtern gescheitert wären. Ich erinnere an die Bauzeichnungen für die Schanzen, die von Jochen Dickert stammten, er organisierte die Arbeitseinsätze, war immer dabei.

Typisch für Jochen Dickert ist, dass er immer versucht hat, auf die jungen Leute einzugehen, streng aber gerecht zu sein, sie zu motivieren, wenn es mal nicht klappte. Typisch ist, dass er auch jetzt über alle Ergebnisse bei Wettkämpfen sofort Bescheid wissen möchte. Er hat die Übersicht, hält alle Fäden zusammen und die Verbindung zum Stadtsportbund.

Wir als seine Mitstreiter sind froh, dass er uns noch mit gutem Rat zur Seite steht.

Jochen Hähnel

(Vorstandsmitglied)

 

Er hat uns fürs Leben geformt

In meiner Kindheit hatte ich keine Zeit zum rumgammeln, dafür sorgte unser Trainer Jochen Dickert. Zu uns Jungen war er streng, forderte Disziplin beim Training (zwei Mal in der Woche) und erst recht bei Wettkämpfen, er sah auf Ordnung, erwartete Zuverlässigkeit. Wir hatten Respekt vor ihm, und er hat uns damit fürs Leben geformt.

Zu seinen besonderen Gaben gehört, dass er Ruhe ausstrahlt, sehr aufmerksam gegenüber den Vereinsmitgliedern ist und ganz Diplomat, wenn er z.B. fragt, wer am Wochenende nicht zum Arbeitseinsatz kommen könne – wer meldet sich da schon ohne ganz triftigen Grund. In Rage bringt ihn, wenn an seinem Lebenswerk, der gesamten Sprunganlage, randaliert wird und Beschädigungen auftreten.

Was ihn auch auszeichnet ist, dass er zielstrebig seine Ziele verfolgt und nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Seine Devise: Ich sterbe an allem aber nicht an Herzdrücken. Für seine Schlagfertigkeit ist er im Verein bekannt und hat dann immer die Lacher auf seiner Seite.

Hallo Jochen: Wir bleiben die Alten!

Udo Ehrhardt

 

Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Dezember 2011