Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach

 

Baumgarten

der fliegende Oberförster aus Grüna >weiter


Wie war es früher?

Der Heimatverein unterhält sich mit älteren Grünaern:

Im Gespräch mit Werner Gerlach
Im Gespräch mit Karla Krahmer
Im Gespräch mit Gunther und Bernhard Köhler
Im Gespräch mit Lotte Schroth
Im Gespräch mit Heinz Ullrich
Im Gespräch mit Hans May und Brunhilde Richtsteiger
Im Gespräch mit Herta Krumbiegel
Im Gespräch mit Herbert Bauer
Im Gespräch mit Mario und Herbert Lorenz
Im Gespräch mit Roland Nestler
Im Gespräch mit Jochen Dickert
Im Gespräch mit Marianne Dell‘Agnese
Im Gespräch mit Walter Semmler
Im Gespräch mit Rolf Frenzel

Veranstaltungen

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Noch bevor uns beide in ihrer Firma willkommen heißen, staunen wir in der Werkstatt über einen Leuchter, ca. 320 cm hoch und 220 kg schwer mit 93 Brennstellen für den Neobarocksaal im Bürgergarten Stollberg. Im Nebenraum wird ein Leuchter restauriert und zugleich ein Duplikat angefertigt. Was ist das Original, was die Kopie – nur der Fachmann kann dies unterscheiden.

Grünaer wissen es inzwischen, wir sind im Handwerksbetrieb der Denkmalpflege Paul Lorenz und im

Gespräch mit Herbert und Mario Lorenz

 


Der Firmengründer Paul Lorenz und das erste „Firmenfahrzeug“

Der Firmengründer Paul Lorenz (1889–1956) hatte in der Firma Rosenthal (Forststraße 5) den Gürtlerberuf, die Anfertigung von Beleuchtungskörpern und Metallarbeiten aller Art, erlernt. Er machte sich 1926 selbstständig und bestand später die Prüfung als Gürtlermeister. Seine erste „Werkstatt“: bei Arno Lorenz im Waschhaus, danach eine Holzbaracke hinter der Bäckerei Lorenz. (Die dort aufgestellten Maschinen nutzte z.B. der Vater von Bernd Hübler für Reparaturen an seinem Motorrad.) Damals fertigten auch Rudolf Fröhlich, Willy Rehnert und Hans Wagner (Nachfolger von Rosa Rosenthal) in Grüna Leuchten an.

Der Familienbetrieb konnte nur bestehen, weil alle mithalfen, erinnert sich Herbert Lorenz. „Wir drei Kinder – meine sieben Jahre ältere Schwester, ich selbst und mein sieben Jahre jüngerer Bruder Günther mussten ran. Nach der Schule und sonnabends hieß es helfen und saubermachen – ohne Widerspruch. Erst danach konnten wir mit den anderen Jungs am Ende der Damaschkestraße Fußball spielen, für andere Hobbys blieb keine Zeit.“ Sie waren also von Kindesbeinen an mit der Arbeit, mit der Firma vertraut. Die Brüder lernten Gürtler, was anderes kam gar nicht in Betracht.

 

Nur: Es war Krieg. Wie viele Gleichaltrige war Herbert begeistert bei der Feuerwehr dabei. „Wenn während des Krieges abends Feueralarm ausgelöst wurde, rasten wir mit den Fahrrädern bis zur Tankstelle Rößler, dort stand das Feuerwehrauto.“ Mit 17 wurde Herbert eingezogen, kam an die Front nach Jugoslawien und beim Rückzug seiner Einheit in amerikanische Gefangenschaft. Die Entlassung erfolgte nach neun Monaten, weil ein Kamerad ihn mit in seinen Wohnort nahm, denn in die sowjetische Besatzungszone wurde niemand entlassen. Er wohnte und arbeitete in Waldheim Teck. Erst 1950, sein Vater war erkrankt, kehrte er heim. Eine Feuerwehruniform gab es nicht für ihn, er half beim Katastrophenschutz (Aufgaben, für die heute das THW mit zuständig ist).

 

Paul Lorenz hatte inzwischen das Grundstück neben der Apotheke (Kurze Straße) als künftiges Firmengelände gekauft. Nach dem Tod des Vaters 1956 führte die Mutter die Firma weiter, bis 1958 die Söhne ihre Meisterprüfung bestanden und die Brüder gemeinsam den Handwerksbetrieb übernahmen. Zunächst wurden die Werkstatt und Garagen gebaut, nach 1963 zwei Wohnungen aufgestockt.

Individuell gestaltete Leuchten und dazu Reklameständer für Schaufenster oder Ausstellungen, damit hatte der Firmengründer Fuß gefasst. Daran hielten die Söhne weiter fest, die schon zu DDR-Zeiten für die Denkmalpflege arbeiteten. Sie entwickelten Beleuchtungskörper nach gegebenen Vorbildern und Zeichnungen oder nach eigenen Vorstellungen, den Räumlichkeiten angepasst. Bei ihnen entstanden aber auch Modelle für den VEB Leuchtenbau Grüna, bevor dieser die Serienproduktion aufnehmen konnte. Für die Entwürfe und Zeichnungen der Produktpalette hatte Günther eine besondere Begabung und war dafür verantwortlich. Er verstarb im Alter von 77 Jahren und riss damit eine nicht zu schließende Lücke.

Sie blieben ein selbstständiges Unternehmen. „Mit wem hätten wir eine PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) gründen sollen? Wir waren doch die einzigen in der Branche.“ Das Fortbestehen war schwierig, deshalb schufen sie sich ein zweites Standbein. Zum Programm gehörten Uhrenringe und Ziffernblätter – nach eigenen Entwürfen, versteht sich. (Jetzt weiß ich, dass meine in den 80er Jahren in Berlin gekaufte Uhr mit Europa auf dem Ziffernblatt aus Grüna stammt.)

Vertraglich gebunden waren sie an den VEB Uhrenwerk Greiz und Weimar. Bei der 14tägigen Lieferung wurde auf der Rückfahrt am Auslieferungslager für Kabel, Litzen usw. in Kirchberg Halt gemacht. „Materialbeschaffung war für alle Handwerker das schwierigste Problem. Über Wasser gehalten haben wir uns, indem wir Maschinenleuchten u.a. für das Drahtziehmaschinenwerk in Grüna und die UNION in Karl-Marx-Stadt fertigten.“

Mit der Uhrenproduktion war nach der politischen Wende 1990 schlagartig Schluss – kein Bedarf mehr. Dafür wurde der Denkmalpflege weitaus größere Bedeutung beigemessen. Wer zum Beispiel beim Aufbau der Semper-Oper in Dresden in den 80er Jahren (in Zusammenarbeit mit dem Spezialleuchtenbau Wurzen) auf sich aufmerksam gemacht hatte, blieb im Gedächtnis der Verantwortlichen. Es folgten Aufträge für die Beleuchtungskörper der Semper-Gemäldegalerie, für Kirchen, darunter die St. Annen Kirche in Annaberg-Buchholz, für Theater, für Schlösser, darunter die Augustusburg (siehe Auswahl im nebenstehenden Kasten).

Auch in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz war man auf die Kunsthandwerker in Grüna aufmerksam geworden, den Hinweis erhielt die Stadtverwaltung vom Stadtplanungsarchitekten Roland Nestler. In Grüna findet man ihre Spuren im Sitzungssaal des Rathauses, im Standesamt, mit der Wetterfahne auf dem Totenstein und erst im Januar mit der Gedenktafel für Baumgarten an der Kita.

Die Goldenen Meisterbriefe 2008 für Herbert Lorenz und Günther Lorenz waren nicht die erste Auszeichnung. Im Wettbewerb „Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege“ wurde die Firma Paul Lorenz im Jahr 2000 der Bundespreis im Gürtlerhandwerk verliehen. Die „Goldmedaille für herausragende Leistungen in der Denkmalpflege in Europa“ wurde ihnen anlässlich der Denkmalmesse Leipzig 2006 überreicht.

 

Das Leben besteht aber nicht nur aus Arbeit. Herbert Lorenz erinnert sich, dass sich als Ausgleich befreundete Familien im Campingclub trafen. „Zu Silvester und zum Fasching wurde im Café Kubitz in Wüstenbrand zünftig gefeiert. Mit dabei Bürgermeister Kurt Eifler und Amtsleiter Kurt Seidler, von beiden stammt die Idee, dass man so etwas auch in Grüna auf die Beine stellen könnte. Der Faschingsclub wurde aus der Taufe gehoben. Wir Brüder waren dabei, Hans Del Agnese, Paul Mai, Klaus Stoppa, Hans Nitzsche und noch andere. Wir alle mussten für die erste Veranstaltung jeder 20 Karten verkaufen – im Folgejahr reichten die Eintrittskarten gar nicht, solchen Zuspruch hatten wir.“ Und ist Mario Lorenz in diese Fußstapfen getreten? „Man sollte besser eine Sache richtig machen. Bis vor zwei Jahren habe ich aktiven Dienst in der Feuerwehr geleistet, jetzt bin ich Kassenwart der FFW Grüna.“

 

„Das ganze Leben lernt man dazu“, nach dieser Devise handelt auch der Sohn von Günther Lorenz, der 2008 aus den Händen der Senioren die Leitung übernahm. Im Ceratizit Werk in Österreich entstand eine moderne Skulptur – eine Erdkugel mit einem symbolischen Fingerabdruck – 20 m² groß. Die Künstlerin aus Erfurt hatte die Ausschreibung gewonnen und wählte aus den nur fünf Unternehmen in Deutschland die Firma Lorenz aus.

Ständig lernen – und lehren: Als Dozent einer Restauratorenschulung für Meister verschiedener Gewerke hält er nicht nur theoretische Vorträge, sondern besuchte mit den Teilnehmern auch denkmalgeschützte Objekte in unserem Ort, darunter das Hotel Clauß.

In den vergangenen Jahren sind viele zu DDR-Zeiten bedeutende Grünaer Industriebetriebe verschwunden, waren im Konkurrenzkampf unterlegen, wurden „abgewickelt“. Der Handwerksbetrieb der Denkmalpflege Paul Lorenz hat an Zuspruch und Anerkennung in Deutschland und international gewonnen durch höchste Qualität und Professionalität in ihrem seltenen Handwerk.

Wir wünschen der Firma Paul Lorenz, Herrn Herbert Lorenz („ich bin nicht mehr angestellt, aber fast täglich hier, nur auf der Fensterbank lehnen kann ich nicht“) Frau Lorenz im Büro und ihren vier Mitarbeitern immer volle Auftragsbücher und anspruchsvolle Projekte, mit denen sie Grüna/Chemnitz weit über die Grenzen von Sachsen hinaus repräsentieren.

 

Für das Gespräch bedanken sich Bernd Hübler und Gerda Schaale