Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach

 

Baumgarten

der fliegende Oberförster aus Grüna >weiter


Wie war es früher?

Der Heimatverein unterhält sich mit älteren Grünaern:

Im Gespräch mit Werner Gerlach
Im Gespräch mit Karla Krahmer
Im Gespräch mit Gunther und Bernhard Köhler
Im Gespräch mit Lotte Schroth
Im Gespräch mit Heinz Ullrich
Im Gespräch mit Hans May und Brunhilde Richtsteiger
Im Gespräch mit Herta Krumbiegel
Im Gespräch mit Herbert Bauer
Im Gespräch mit Mario und Herbert Lorenz
Im Gespräch mit Roland Nestler
Im Gespräch mit Jochen Dickert
Im Gespräch mit Marianne Dell‘Agnese
Im Gespräch mit Walter Semmler
Im Gespräch mit Rolf Frenzel

Veranstaltungen

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Der 90. Geburtstag ist ein guter Anlass, auf sein Leben zurückzublicken und Erinnerungen aufleben zu lassen. Zumal, wenn schon die Großeltern und die Eltern in Ort wohnten und als Schmiede mit Hufbeschlag und Wagenbau besonders von Bauern und Bauhandwerkern aus Grüna und Umgebung gebraucht wurden. Aber auch für alle anderen Einwohner, die Äxte und Beile schleifen oder Hacken reparieren ließen, waren sie da. Unsere Gesprächspartnerin kennt Grüna und seine Einwohner aus dem „Effeff" auch, weil sie 23 Jahre im Landambulatorium arbeitete. Deshalb hatten wir uns angemeldet zum

Gespräch mit Herta Krumbiegel

Wir sind zu Gast in einem Haus, das 1871 erbaut und 1879 vergrößert wurde. Doch bald war es schon wieder zu klein für Wohn- und Schlafräume und die Werkstatt, so dass 1891/1897 die zweite Hälfte angebaut wurde.

„Mein Großvater Heinrich Wünsch war auf Wanderschaft, als er in Grüna bei einem Schmied Arbeit fand. Offenbar gefiel ihm nicht nur die Arbeit, er heiratete und hatte mit seiner Frau Selma vier Söhne und eine Tochter. 1883 übernahm er die Schmiede, hatte als Meister 50 Jahre lang das Sagen, dann folgte ihm 1933 für 30 Jahre sein jüngster Sohn Kurt, mein Vater." Auch danach blieb die Schmiede in Familienbesitz. Tochter Herta hatte 1950 den kaufmännischen Angestellten Horst Krumbiegel geheiratet, der zum Schmiedemeister umschulte und von 1963 bis 1990 die Schmiede betrieb.

Aus den Erzählungen ihrer Großeltern erfuhr sie, dass die Zeit nach dem 1. Weltkrieg so recht und schlecht überstanden wurde. Die drei Schmiede im Ort wurden gebraucht. Pferden, aber auch Ochsen und Kühen, von kleinen Bauern für die Feldarbeit eingesetzt, wurden Eisen aufgeschlagen. Beim Aufziehen der Reifen für die großen Bauernwagen mussten vier Personen anpacken. Die Gießkanne mit Wasser zum Abkühlen stand immer dabei. Nach und nach wurde die technische Ausrüstung verbessert, kleinere und größere Maschinen und Schweißtechnik angeschafft, so z.B. ein großer Federhammer zur Erleichterung der Arbeit.

Herta Krumbiegel„Ich erinnere mich noch, dass Nachbarn mit Blechdosen, in die sie hausgeschlachtete Fleisch- und Wurstwaren oder die Ernte aus Garten oder Grundstück eingefüllt hatten, zum Vater kamen. Er besaß eine Kostbarkeit: eine Dosenverschließmaschine. Nach Hause zurückgekehrt, mussten die Dosen noch gekocht werden, damit der Inhalt länger haltbar blieb. Unser Vater war oft unterwegs. Zu Fuß mit Rucksack, später mit dem Fahrrad holte er Schrauben, Nägel und Kleinteile aus einer Eisenhandlung in Chemnitz. Hammer- und Schaufelstiele z.B. wurden selbst vom Stellmacher bei Hartenstein geholt. Größere Teile wie Bleche und Rohre brachte uns der Fuhrbetrieb Kurt Müller, später Günter Müller."

Die ältesten Grünaer werden sich erinnern, meint Herta Krumbiegel, dass bei ihrem Vater auch neue Handwagen verkauft wurden. Die Gestelle kamen mit der Bahn von Waldkirchen nach Wüstenbrand, dort holte sie der Zeißig Franz ab. Nachdem die Reifen aufgezogen und Blechbeschläge angebracht waren, wurden sie verkauft. Auch Kinderspielsachen wurden angeboten. Das half, Zeiten zu überbrücken, wo nicht ausreichend Arbeit da war. Oder es wurden Kleinteile auf Vorrat gefertigt. Sogar eine Tankstelle mit einer und später zwei Zapfsäulen ließ der Vater von ESSO errichten. „Wenn ein Auto liegen geblieben war, wurden auch nachts mal Kanister mit 5 Liter Benzin gefüllt." Das Schmiedefeuer im Haus, im Garten daneben eine Tankstelle – heute unvorstellbar! Auch für Betriebe arbeiteten ihr Vater, dann ihr Mann, so z.B. für die Kratos-Werke und die Werkzeugfabrik Reuther. Damit konnten sie ihren Familienbetrieb erhalten.

„Meine Schwester und ich verlebten eine behütete schöne Kindheit. Wir hatten Platz und eine alte Laube zum Spielen. Im Winter war das Schlittenfahren vom Damm der ehemaligen Sandgrube immer ein toller Spaß. Wir feierten gern mit sechs und mehr Nachbarskindern und Schulfreundinnen Kindergeburtstage, an die wir heute noch gern zurück denken. Gern gingen wir zu Kinderfesten des Turnvereins, des Schützenvereins und der Schrebergärtner und zu Ballspielen, zum Kasperletheater, Vogelschießen. Das waren dann Höhepunkte im Alltag."

Der achtjährigen Schulzeit schlossen sich eine kaufmännische Lehre und danach die Arbeit in der Buchhaltung an. („Zahlen waren schon immer meine Leidenschaft.") Um die Einberufung zum Arbeits- und Kriegshilfsdienst ins Vogtland kam sie nicht herum. Eine Bombardierung im Februar 1945 erlebte sie in Schönau. Fliegeralarm bedeutete immer, aus den unregelmäßig fahrenden Zügen aussteigen und bei Eiseskälte sich an den Bahndamm hocken, sich „unsichtbar" ruhig verhalten. Es ging damals gut, nach der Entwarnung fuhr der Zug weiter nach Grüna. Der Betrieb, Stäbers Eisenhandlung an der Neefestraße Nähe Nicolai-Bahnhof (Bahnhof Mitte), wurde zur Hälfte zerstört, zum Wiederaufbau mussten Ziegel geputzt werden. Herta Krumbiegel schmunzelt über unsere verdutzten Gesichter, als sie uns von ihrer ausgefüllten Mittagspause 12.00 bis 13.30 Uhr erzählt: Mit dem Zug nach Grüna, mit dem Fahrrad zur Wohnung, essen, Heu wenden, wieder mit dem Zug zur Arbeit. Später befand sich ein Teil des Betriebes an der Heinrich-Lorenz-Straße, da wurde das Essen im Topf mitgenommen und aufgewärmt.

Bis 1954 arbeitete sie in der Stadt, nach der Geburt ihres Sohnes Matthias zunächst in der Post-Lotto-Stelle in Grüna. 1959 übernahm sie die Aufgaben als Verwaltungsleiterin im Landambulatorium Grüna. In den Jahren 1974 bis 1976 gab es besonders viel zu tun, galt es doch, den Umzug aus der ehemaligen Nacke-Villa (Eckgebäude Chemnitzer Straße – Limbacher Straße) in die ehemalige Beyer-Fabrik, das heutige Ärztehaus (Dorfstraße 54) gründlich vorzubereiten. Durch die Vergrößerung wurden drei ärztliche und drei zahnärztliche Arbeitsplätze mit dazu gehörenden Räumen für medizinisches Personal und die technische Ausstattung geschaffen.

All die Jahre, trotz 48-, später 45-Stunden-Arbeitswoche, hatte sie noch einen zweiten wichtigen Job: Sie erledigte die Buchhaltung für ihren Vater, später für ihren Mann. Ihr Hobby als Ausgleich: Chrysanthemenzucht im Garten hinter dem Haus. Nach dem Tod ihres Mannes im Dezember 2011 ist der Garten ihre große Freude geblieben und tip-top in Ordnung, nur der Unkrautsamen von Nachbars Weg/Grundstück brauchte nicht zu sein.

1992 erfolgte der Umbau der Schmiede zum Getränkemarkt „Alte Schmiede", den Sohn Matthias betreibt. Im Schaufenster, hinter vielen Grünpflanzen ziemlich versteckt, ist der große Hammer zu erkennen, während die große Ständerbohrmaschine seit 1993 beim Rundgang durch das Industriemuseum zu sehen ist.

„Grüna gefällt uns", damit bezieht sie ihre Schwester Frau Christa Keil mit ein. „Wir Alten sind hier geblieben, wir brauchten ja der Arbeit nicht nachzuziehen. Es ist viel Neues entstanden. Aber die Harmonie und der Zusammenhalt waren früher besser, finde ich." Dass in Vorbereitung der 750-Jahrfeier an die Vergangenheit erinnert wird, findet Herta Krumbiegel richtig. „Kaum einer erinnert sich noch an die Strumpfwirkerstühle, die in den 20er bis in die 30er Jahre nahe an den Fenstern aufgestellt waren, um das Tageslicht zu nutzen. Kaum einer weiß noch die Namen der Bauern – bei uns gingen sie ein und aus: Liebold, Landmann, Lasch, Grimm, Uhlig, Petzold, Eichler, Hauswald usw. Wohl in jedem Bauerngut wurden 1944/45 Umsiedler aus Ostpreußen aufgenommen, manche sind sesshaft geworden. Zu den Umzügen 1963 und 1988 war unser Betrieb mit Festwagen dabei. Ich hoffe, dass ich den Festumzug nächstes Jahr bei guter Gesundheit erleben kann. Ich bin schon neugierig darauf."

Für das Gespräch bedanken sich Bernd Hübler und Gerda Schaale bei Frau Krumbiegel